Licht

Die Malerei von Otto Greis

Vom Licht erzählt, in der Sprache des Lichtes. Ein Inneres an Licht. Aber das sehr Besondere an diesem Licht: selbst die Erinnerung an das Feuer hat es verloren. Ganz ruhig, gebändigt, ganz eingetaucht in den Logos.

In Wahrheit verbirgt sich in diesem Licht ein Mensch – ein Mensch, der es lebt in seinem eigenen Rhythmus und seiner inneren Substanz gemäß. Kein Wink, kein Ruf an den Betrachter.

Eine Stille, erfüllt mit einer <<anderen>> Musik, die das Schauen einwiegt, es möchte verweilen, langsam durchdringt es die Glut wortlosen Gelöstseins.

Michel Seuphor, 1974



Bereits die frühen Landschaftsaquarelle von Otto Greis aus den 30er und 40er Jahren zeigen eine bemerkenswerte Helligkeit und Leuchtkraft, die vornehmlich auf ihre expressive Farbwahl zurückzuführen ist. Die Ausdruckskraft der informellen Bilder entwickelt sich primär aus dem Spannungsgefüge von Licht und Dunkelheit. Der abstrakt aufgefasste Prozess des Leuchtens und Verdunkelns führt zu einer metamorphen Farbe- und Formensprache, die auf künstlerischer Ebene der Idee Ausdruck gibt, die Natur in ihren Erscheinungen als fortwährend veränderlich zu begreifen.

Das Bildlicht, das seit Ende der 50er Jahre die Werke von Otto Greis prägt, ist in seiner Erscheinung ein ganz anderes. Der Künstler definiert es als ein „Bauelement“ seiner Bildstrukturen. Seine Herausarbeitung trägt entscheidend zur künstlerischen Absicht bei, einen in sich logischen, autonomen Bildraum zu gestalten, der durch das multiple Beziehungsgeflecht von Farbe, Form, Raum und Licht seine spezifische Bildwirklichkeit entfaltet.

Ein besonderes Erlebnis gibt dem Künstler 1959 die entscheidende Anregung das Licht als ein weiteres Bildelement miteinzubeziehen: „ Es war an einem Vorfrühlingstage zur Mittagsstunde, das Hauptportal der Kathedrale von Soisson war weit geöffnet, um die erste Wärme in das Bauwerk zu lassen. Ich stand an diesem Portal und beobachtete das Licht, das durch die hohen Fenster an den Kannelierungen der Säulen herniederfloß und in den Dunkelheiten versickerte. Mein Auge saugte sich fest an den vielen der hellsten Punkte, die in bestimmten Verhältnissen zueinander standen, von denen Apsis und Chor ausgespannt waren. Nun setzte ich Fuß vor Fuß quer zum Portal und dabei die Lichthöhen nicht aus den Augen lassend, wahrnehmend, wie immer neue Verspannungen sich bildeten. Hier begriff ich, in welch kühner und genialer Weise das Licht als Element, als Bauteil, mit dieser Architektur verschmolzen war und das dies nur in einem auf das Licht miteinbezogenem Organismus möglich ist. Ich begriff, um Licht in einem Bilde als konstruktives Element zu veranschaulichen, braucht es etwas an dem es sich niederschlägt und so als Bauteil am Bildorganismus teil hat, wenn es nicht bei einem bloßen Aufleuchten bleiben soll.“1

Von diesem Zeitpunkt an, findet die Farbe Schwarz in Greis’ Bildern keine Verwendung mehr. Licht wird aus Farbe gestaltet und analog dazu auch Dunkelheit. Die Hinwendung zur Helligkeit, die das Werk ab 1958/59, nach einer Phase von düsteren, dunkelfarbigen Materiebildern charakterisiert, kann auch im Zusammenhang mit dem Umzug des Künstlers nach Frankreich gesehen werden.

Anlässlich der Jubiläumsausstellung zu Otto Greis’ achtzigstem Geburtstag in der Frankfurter Galerie Ostertag, skizziert Christa von Helmholt einen anschaulichen Eindruck seiner Werke und damaligen Lebenssituation: „ Drei (…) [Jahrzehnte, Anm.d.Verf.] hat der Frankfurter Maler im Seine-Becken bei Paris verlebt. Wo schon die Impressionisten etwas von der entmaterialisierenden Bedeutung des Natur-Lichtes erfuhren und Claude Monet auf seinem Hausboot herumtrieb, entwickelte Otto Greis aus den dunklen Abgründen seiner frühen Nachkriegstafeln, diesen Reflexen auf das gerade beendete mörderische Geschehen, deren immaterielle, einzig vom Licht gestaltete Gegenwelt. Zu Rhythmen geordnet, formen seitdem Strahlenbündel mit der Dynamik der einstigen Farbströme jene hellen, transparenten Bilder, die Greis „Lichtraumkörper“ nennt, autonome, aus sich selbst heraus funktionierende Gebilde. Nicht das Licht als Beleuchtung ist Thema seines Werkes. Mit prismatischen Strukturen in feinsten Abstufungen von nur zwei bis vier Farben feiert er das Licht in seiner bestimmenden Bedeutung für die Malerei.“2

Greis’ Sensibilität für das Licht, das ihn in La Frette, oder auf seinen Bootsreisen im Mittelmeer und schließlich in den 90er Jahren in Alcudia di Guadix, wo er mehrere Monate des Jahres verlebt, umgibt, drückt sich mittels einer luziden, von Werkphase zu Werkphase wechselnden Farbigkeit aus. Besonders die Bilder der 70er und 80er Jahre offenbaren eine Entwicklung dahin, Farben zu verwenden, die, im Goethischen Sinne interpretiert, bereits einen „Lichtwert“ besitzen. Hellste Weißmodulationen vermitteln in den 70er Jahren einen Eindruck von unfarbigem Licht. Während der Künstler im darauffolgenden Jahrzehnt eine als „coloristische Chromatik“3 zu beschreibende Farbigkeit entwickelt. Das Bildlicht geht aus der Eigenhelligkeit aller Bildfarben, die mehrheitlich der blau-roten Seite der Farbskala entlehnt sind, hervor.

Zur Verbindung von Farbe und Licht erklärt Otto Greis 1995: „Und was die Lichtfülle der mittelmeerischen Welt betrifft, es ist ein durch die italienische Malerei auf uns überkommenes großes Erbe der Verzauberung. Dieser farbige Kosmos, der mich umgibt, das Erscheinenlassen farbiger Phänomene, die spezifische Transparenz, kommen meinem Verlangen entgegen in den räumlichen Gliederungen des Bildlichtes, die Farbe zu einer essentiellen Aussage zu erheben.“4

Greis’ bildnerische Absicht zielt auf Synthese. Dem Bildlicht wird daher ebenso wie der Farbe, aus der es gestaltet ist, dem Raum und der Form, die Aufgabe zuteil, im Hinblick auf die autonome Komposition, das jeweils andere Element mit herauszubilden. In diesem Sinne sind seine folgenden Gedanken zu verstehen: „Ich möchte eine Malerei, in der Form und Licht eins werden. Die Form aus Elementen, Licht in Elementen, die Form erst im Licht real werdend, die Farbe erst im Licht real werdend.“5

Otto Greis entwickelt „aus dem Verwandlungspotential der bildnerischen Mittel heraus6, Bildkompositionen, die von einem vitalen Form- und Lichteindruck bestimmt sind. Der Künstler spürt dem allgemeinen Prinzip der Verwandlung, das er in der Natur auf vielfältige Weise erlebt, nach. Er entwirft seit 1959 bis zum Ende seines Lebens, vom konkreten Erlebnis distanziert, Bilder, die auch als Metamorphosen des Lichts interpretiert werden dürfen.










1 Brief von Otto Greis an Ulla Siegert, Ockenheim 25.12.1995, zit.n.: Ulla Siegert, Otto Greis. Bildwirklichkeit und Poesie, (Über Malerei Bd.4), Aachen 2002, S.37

2 Christa von Helmholt, Otto Greis. Feier des Lichts, in: FAZ, 28.9.1983

3 Ernst Strauß, Koloritgeschichtliche Untersuchungen zur Malerei seit Giotto und andere Studien, zit.n. L. Dittmann, Farbgestaltung und Farbtheorie in der abendländischen Malerei, Darmstadt 1987, S.261

4 Brief von Otto Greis an U. Siegert, Alcudia de Guadix, 1.11.1995, zit. n.: Ulla Siegert, Otto Greis. Bildwirklichkeit und Poesie, a.a.O., S.59

5 Otto Greis, undatierte Äußerung, ebd., S.39

6 Christa Lichtenstern, Metamorphose. Vom Mythos zum Prozessdenken. Ovid-Rezeption, Surrealistische Ästhetik, Verwandlungsthematik der Nachkriegszeit, Bd. 2, Weinheim 1992, S.390