fast schon eine schicksalhafte Begegnung

Barbara Auer: … kommen wir zu einem bedeutenden Ereignis, Ihre Begegnung mit

Ernst Wilhelm Nay 1945.


Otto Greis: Es war schon fast eine schicksalhafte Begegnung. Durch Zufall traf ich in der Farbhandlung Niethammer in Frankfurt den Maler Nay. Ich erkannte ihn an seiner Feldtasche, auf der sein Name stand. Ich sprach ihn an und fragte ihn, ob ich ihn besuchen dürfe. Das war nach Kriegsende 1945, und die Besatzungszeit durch die Amerikaner hatte begonnen. Wegen der Ausgangssperre konnte man nur am Tag auf die Straße. Nay lebte damals in Hofheim. Als ich ihn zum erstenmal besuchte, war er krank. Er lag im Bett und hatte einen Bildband von El Greco vor sich liegen und begann mir die Bilder zu erklären. Die Art und Weise, wie er mir den Greco nahegebracht hat, das fand ich ungemein faszinierend; er öffnete mir damit kolossal die Augen. Nach diesem ersten Besuch bat er mich wieder zu kommen. Mit der Zeit entwickelte sich eine richtige Freundschaft. Vieles haben wir zusammen unternommen. Wir bauten zum Beispiel für seine Ausstellung in München bei Günter Franke die Kisten für den Transport der Bilder. Im Wald sammelten wir zusammen Holz, damit wir was zum Heizen hatten, es gab ja nichts in dieser Zeit.

Wir waren oft zusammen in Wiesbaden. Im Landesmuseum war das gesamte Kaiser-Friedrich-Museum von Berlin ausgelagert, um die Bilder vor den Russen in Sicherheit zu bringen. Direktor Holzinger vom Städel, der mir übrigens auch viel mit Restaurierungsaufträgen half, verwaltete die Sammlung und machte wunderbare Ausstellungen. Ganz Westdeutschland pilgerte dorthin; das war 1946 und der Kunsthunger war groß.


Barbara Auer: Sie haben auch zusammen mit Nay gemalt?


Otto Greis: Nein, das wäre unmöglich gewesen. Jeder arbeitete für sich in seinem Atelier. Aber Nay beschaffte auf dem Schwarzmarkt das Leinöl, Zahlungsmittel waren Zigaretten, meistens ein oder zwei Stangen. Farbpulver besaßen wir. Ich rieb dann nach der alten Methode mit einem Glasläufer die Farbe an und füllte sie in Marmeladengläser ab. Mit diesen Farben malte damals auch Nay. Wenn ich heute seine Bilder sehe, dann erkenne ich sofort diejenigen, die mit dieser Farbe gemalt sind an dieser typischen Eigenschaft der Farbe.


Barbara Auer: Es war für Sie also nach dem Krieg keine Frage, die Malerei weiter zu verfolgen?


Otto Greis: Das war keine Frage. Am Anfang nach dem Krieg verdiente ich mir den Unterhalt durch einige Verkäufe, aber hauptsächlich durch Restaurierungsarbeiten. Bis 1950 habe ich sehr viel restauriert. Ich stellte zum Beispiel dem Sammler Kurz, der mit seinen Bildern unter dem Arm gerollt, aus der ehemaligen Ostzone geflohen war, seine Sammlung wieder her. Die Gemälde waren in einem sehr schlechten Zustand. Beckmann, Kokoschka, Feininger, Macke mit denen habe ich richtig gelebt. Das war für mich ein großer Spaß. Ich kannte viele Arbeiten von Abbildungen, aber als Original waren sie ganz anders beeindruckend. Es war für mich eine große Freude diese Bilder bei mir an der Wand zu haben.


Barbara Auer: Diese Auseinandersetzung mit den „großen Namen“ der klassischen Moderne muß für Sie ein einmaliges Erlebnis gewesen sein.


Otto Greis: Für mich war das ganz wichtig. Sie kennen ja meine ganz frühen Bilder vor dem Krieg, meine damalige Orientierung an den Expressionisten, an Schmidt-Rottluff, die ist ja deutlich zu spüren. Später kam dann die Explosion des Informel, die ja schon 1951/52 einsetzte. Da flog dann erst mal alles, die ganze Vergangenheit, weg. Schultze und ich, wir waren die ersten in Deutschland, die das machten.






Auszug aus dem Interview O.Greis/B.Auer, 15.April 1996 in Ockenheim, abgedruckt in: Kat. Otto Greis, Kunstverein Ludwigshafen am Rhein e.V. 1996