Funktionales von Fleck und Strich

Kann die informelle Bildsprache zu einer bloßen Methode, zu einer „Mache“ werden? Gibt sie Raum für eine individuelle Aussage, für ein Bild, das unnachahmlich ist und etwas ganz Eigenes beinhaltet? Diese oder ähnliche Fragen werden Otto Greis 1953 beschäftigt haben, als er sich entschließt eine kleinformatige Bilderserie zu erarbeiten, die als

„Funktionales von Fleck und Strich – 75 Modulationen mit 2 Motiven“ betitelt ist.

Zwei Jahre nach „Claude“, 1951/52, dem ersten Bild einer ganzen Reihe von großformatigen, informellen Arbeiten, befallen Otto Greis Zweifel an seinem künstlerischen Weg. Mit der ihm eigenen Gründlichkeit, beginnt Greis mit diesen 75 Modulationen die bildnerischen Möglichkeiten des Informel auszuloten.

Als Bausteine dienen Farbfleck und Farbstrich. Der Fleck als malerisches Element und der Strich oder die Linie als zeichnerisches Pendant. Als freie Formen tauchen das Runde und das Eckige auf. Ist der malerische Ansatz auch konzeptionell, so sind diese Papierarbeiten dennoch ganz dem Informel zuzurechnen, denn in ihnen manifestieren sich zwei grundlegende Gedanken dieser malerischen Richtung: der Prozessgedanke und die Nicht-Form, bzw. Formlosigkeit.

Die Bilder dienen dem Künstler nicht als Medium für die eigene Emotionalität, sondern sie sind Resultate spontaner Malaktionen mit reduzierten und zuvor festgelegten Mitteln. Die Farben der Serie sind auf Schwarz, Rot, Gelb und Weiß beschränkt. Die Kunsthistorikerin Ursula Geiger, die um Greis’ Interesse für Kunst und Kultur der Frühzeit und des Altertums weiß, bezieht diese Auswahl auf die Vier-Farbentheorie der griechischen Antike. Als Hauptfarben werden sie mit den vier Elementen: Erde, Wasser, Feuer und Luft in Verbindung gebracht.1

Den Künstler reizt das Experiment. Die Malereien werden, wie auch die großen Leinwände zuvor und später, bis an den „Rand des Abgrundes“ getrieben.2

Otto Greis bevorzugt eine Mischtechnik, die aus öligen Emulsionen und Temperafarben besteht und für sich bereits ein Spannungsgefüge bildet.

Kein Bild gleicht dem anderen. Trotz der Beschränkung auf das kleine Format, bestechen die Arbeiten durch immer neue Farb-Formspiele und überraschende Oberflächenstrukturen. Die malerische Freiheit, die sich in allen Modulationen und besonders in den letzten 10 Bildern manifestiert, lässt Ursula Geiger schlussfolgern: „ dass Greis (…) zum damaligen Zeitpunkt der offenen, nicht mit bestimmten Inhalten vorbelasteten Form den Vorrang gegenüber dem gesetzten Zeichen einräumte. Es ging ihm darum, eine Fülle von Möglichkeiten zu zeigen, allein mit den Mitteln des Informel den Entstehungsprozess der Formen, ihr Werden, ihre Entfaltung und Auflösung in einem ebenfalls bewegten, ‚atmenden’ Raum darzustellen d.h. etwas vom Geheimnis der Welt und des Lebens ins Bild zu bringen.3

Nach dieser experimentellen Serie malt Otto Greis 1953 die großformatige Leinwand mit dem Titel „Ikarus“. Dieses Werk befindet sich seit 1958 in der Städtischen Kunsthalle Mannheim und gilt als ein Hauptwerk des deutschen Informel.






1 Ursula Geiger, Die Maler der Quadriga und ihre Stellung im Informel, (Diss.) Nürnberg 1987, S.195

2 Brief von Otto Greis an G. W. Költzsch, La Frette sur Seine 1982, zit.n. Kat. Otto Greis, Retrospektive zum 75. Geburtstag, Landesmuseum Mainz 1989, S.14

3 Ursula Geiger, a.a.O., S.195