Quadriga

<h4>1952</h4>

Am 11. Dezember 1952 wird in der Zimmergalerie Franck in Frankfurt eine Ausstellung eröffnet, deren Bedeutung für die Entwicklung der deutschen Nachkriegskunst außerordentlich ist. Unter dem Begriff „Neuexpressionisten“ stellen die vier Maler: Otto Greis, Karl-Otto Götz, Bernard Schultze und Heinz Kreutz jeweils drei Bilder aus, die beim Publikum Interesse, Erstaunen und vielfach auch Ablehnung hervorrufen. Insbesondere die weit vorangetriebene Formauflösung ihrer Werke ist für die Betrachter überraschend. Ursula Geiger hat 1987 über die Ausstellung ihre Voraussetzungen und Auswirkungen eine umfangreiche Dokumentation vorgelegt.1 Sie beschreibt: „Angekündigt war die Ausstellung unter dem Etikett Neuexpressionisten. Keiner der Teilnehmer weiß heute mehr, warum dieser Titel gewählt wurde, vermutlich um einen Zusammenhang mit dem Abstrakten Expressionismus der Amerikaner herzustellen. Weitere Gründe mögen darin zu suchen sein, dass der Expressionismus der letzte deutsche Stil war, der über die Grenzen hinweg Beachtung gefunden hatte, und weiterhin, dass die Malerei der COBRA, die in mancher Beziehung als Vorbild und vor allem als Anregung diente, expressive Züge trägt. Alle Beteiligten sind sich jedoch darüber einig, dass die Betonung auf dem Wortteil neu liegen musste.“2

Die Leinwände dienen als Plattform der künstlerischen Leidenschaften und als Experimentierfeld der malerischen Möglichkeiten. In diesem Sinne lenkt der Begriff des Expressionismus berechtigterweise auf die subjektive Ausdruckskraft der Bildwelten, die sich vom Gegenstandsbezug befreit haben. Otto Greis zeigt die Werke: „Paar“,„Die Hexe“ und „Blauer Aufbruch“ aus dem Jahr 1952. Seinen Bildern ist eine sprühende und pulsierende Farbigkeit eigen, die zu emphatischen Beschreibungen anregte. Godo Remszhardt, Kritiker der Frankfurter Rundschau, spricht von „ farbigem Gewölk explosiven Blütenstaubes, das symphonisch über weite Himmel dahinweht und kreisend wie Gestirne leuchtet.3 Greis baut seine Bilder aus Flecken, sog. „taches“ auf, oder schüttet auch flüssige Farbmaterie auf die am Boden liegende Leinwand und Bernard Schultze erinnert sich: „Das schönste Bild von ihm >>Die Hexe<< … das hat er mit dem Schwanz eines Pferdes gemalt.“4

Für Otto Greis, der sich auf der Suche nach künstlerischer Authentizität von seinem bisherigen Schaffen distanziert, steht zunächst das Experiment im Vordergrund. Dennoch bleibt seine Auseinandersetzung mit der Fläche bestehen. Die drei Gemälde der „Quadriga“-Ausstellung verdeutlichen sein Ringen um Bildräumlichkeiten, die mittels ihrer farbigen Wirkkräfte vor- oder zurückdrängen, immer miteinander vernetzt sind und so ein festes Gewebe bilden. Um zu diesen dichten Kompositionen zu gelangen, die bildimmanenten Gesetzen folgen und in einem Stadium der Ausgewogenheit als abgeschlossen gelten, ist die unumschränkte Aufmerksamkeit des Künstlers gefordert. Greis lehnt daher, im Gegensatz etwa zu K.O. Götz, eine Ausschaltung des Bewusstseins während des Malaktes ab. Er sieht den Vorgang der Bildfindung recht nüchtern und resümiert 1954: „Ich halte es meinerseits für notwendig, sich der reinen optischen Wahrnehmung zu überlassen und betrachte meine Bilder ohne Rücksicht, ohne Erinnerung und ohne Reflexionen – mit nüchternem, durchdringendem Blick – vielleicht vergleichbar dem eines Wissenschaftlers am Forschungsinstrument. Die wie Mauerwerk alter Ruinen zerschundene Malfläche hat nichts mit der Abgeschiedenheit jenes Romantischen gemein – sie ist unromantisch.

Die zerfaserten und zersplitterten Bildtteile – vorerst überraschend in ihrer Kuriosität – sind gebildet durch die Gewalten von Zerstörungsprozessen auf der Bildfläche, die in ständigen Überschneidungen sich vollziehen. So finde ich neue Aspekte, die dann vielleicht im Bilde zu Realitäten werden können und auf der extremen Seite von Ratio und bekannter Ordnung liegen – bei Irratio und Wagnis – und in einem gelungenen Werk unsere Sicht erweitern werden.“5

Die Bezeichnung „Quadriga“, die sich für die vier Frankfurter Maler sehr bald durchsetzt, leitet sich aus dem gleichnamigen Poem her, das der Dichter René Hind am Eröffnungsabend geschrieben hat und darin die vier Künstler als hervorstürmendes Vierergespann beschreibt. Er lässt seinen Assoziationen freien Lauf und Greis’ glühende Farbwelten, sowie seine Bildtitel verführen Hinds zu einer dichterischen Freiheit, die allerdings wenig mit der künstlerischen Absicht zu tun hat. Als „ schwindelgefeit, manchmal grauengejagt, dennoch selbstbehauptet, sattelfest auf seinem schwarzbraunen Rappen“ wird Otto Greis vom Dichter charakterisiert6.

Ursula Geiger urteilt:„Auch wenn man nicht von einer Gruppenbildung im eigentlichen Sinne sprechen kann, so war die Quadriga doch mehr als nur eine Interessengemeinschaft. Erst durch die vereinigte Kraft ihrer >>konzertierten Aktion<< konnten die vier Maler die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit erregen, der neuen informellen Kunst in Deutschland zum Durchbruch verhelfen und damit den Anschluss an das internationale Niveau gewinnen.7


1 Ursula Geiger, Die Maler der Quadriga – Otto Greis, K.O. Götz, Bernard Schultze, Heinz Kreutz – und ihre Stellung im Informel, (Diss.), Nürnberg, 1987

2 ebd., S.146

3 Godo Remszhardt, Quadriga malerischer Avantgarde/Vier „Neuexpressionisten“ in der Zimmergalerie, FR, 30.12.1952

4 Gabriele Lueg, Studien zur Malerei des deutschen Informel, Interview mit Bernard Schultze, 6.4.1978, (Diss.), o.O. 1983, S.321

5 Otto Greis, 1.7.1954, zit.n. Kat. Otto Greis. Retrospektive zum 75. Geburtstag, Landesmuseum Mainz, 1989, S.7

6 Réne Hind, Quadriga-Poem, zit.n. Christa v. Helmholt, Feier des Lichts, FAZ, 28.9.1993

7 Ursula Geiger, a.a.O., S.149