Leben und Werk


28.8.1913

Otto Greis wird in Frankfurt am Main geboren


1932 – 1934

Beginn eines Maschinenbaustudiums in Frankfurt. Otto Greis lernt während dieser Zeit einen ehemaligen Schüler Karl Hofers kennen. Fasziniert von der Idee, in der Kunst seine eigene Welt gestalten zu können, beschließt er, Maler zu werden und bricht seine Ingenieurslaufbahn ab.


1934 – 1938

Privater Mal- und Zeichenunterricht bei Johann Heinrich Höhl, der sein Atelier in der Städelschule in Frankfurt hat.

Die Sommermonate verbringt Greis häufig in Ostfriesland und im Alten Land. Hier kauft er sich ein kleines Ruderboot und malt vom Wasser aus. Es entstehen expressive Landschaftsaquarelle von leuchtender Farbigkeit.


1939 – 1945

Während des Zweiten Weltkrieges dient Otto Greis als Sanitätssoldat. Ein Band von Laotse und Prosa von Goethe im Frontgepäck helfen ihm die Kriegsschrecken zu ertragen.


1945 - 1951

Die zufällige Bekanntschaft mit Ernst Wilhelm Nay ist für Greis’ malerische Entwicklung von besonderer Bedeutung. Bis 1948 hält ihr enger Austausch über gestalterische Fragen an. Die beiden Künstler unternehmen gemeinsame Besuche u.a. im Wiesbadener Landesmuseum, in dem zu dieser Zeit noch die Sammlung des Berliner Kaiser-Friedrich-Museums aufbewahrt wird. Greis’ frühe Nachkriegsbilder lassen seine Auseinandersetzung mit Klee und Cézanne, als auch eine künstlerische Verwandtschaft mit Nay erkennen.


1951

Mit dem Motorrad fahren Greis und Karl-Otto Götz anfang Oktober zur zweiten großen COBRA-Ausstellung nach Lüttich. Für Greis ist es ein Schlüsselerlebnis. Nach einem Abstecher in Paris, beginnt er noch im Dezember des Jahres mit seinem Bild „Claude“, in dem bereits deutlich eine formauflösende und farbexpressive Bildsprache anklingt.


1952 – 1954

Vom Frühjahr bis zum Sommer 1952 entstehen die Werke : „Agonie“, „Paar“, „Pan im Feuerbrunnen“, „Jardin Volcanique“, „Blauer Aufbruch“, „Herz der Steinblume“, „Jardin des Hiboux“ und „Uranus blüht“.

In der sogenannten „Quadriga-Ausstellung“ im Dezember 1952 , in der Zimmergalerie Franck, präsentiert Greis gemeinsam mit Bernard Schultze, Karl-Otto Götz und Heinz Kreutz einige seiner informellen Arbeiten erstmals der Öffentlichkeit. Mit dieser Ausstellung findet die deutsche Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg wieder Anschluss an die internationale Avantgarde.


1955 –1956

In jedem Frühjahr und Herbst lebt und arbeitet der Künstler für einige Monate in Paris. Die Suche nach einer eigenen, unnachahmlichen Aussage in der Malerei, veranlasst Greis sich mit frühgeschichtlichen und exotischen Kulturen zu beschäftigen. Aus diesem Grund besucht er häufig das Pariser Musée de L’Homme.


1957/58

Im Herbst 1956 macht Otto Greis erste Versuche mit dick aufgeschichteter Malmaterie. Beabsichtigt ist, mit der zum Relief verdichteten Farbe, Perspektivwirkungen entgegen zu arbeiten und die dritte Dimension wieder als Flächendimension in das Bild einzubeziehen.


1957

Otto Greis zieht endgültig nach Frankreich. Er lebt und arbeitet zunächst in einem alten Haus in La Frette sur Seine auf der Höhe von Argenteuil. Ganz bewusst entzieht er sich damit der deutschen Kunstszene, in der er auch weiterhin als informeller Maler gilt. Neben den Materiebildern arbeitet er an einer Reihe von Tuschezeichnungen mit Lavierungen. Inspiriert von den hellen Schwingungen des Lichts an der Seine, möchte er der Farbe wieder zu mehr Aussage und subtilerer Wirkung verhelfen.


1959

Werke wie „Sémiramis“ oder „Daphne“, beide von 1959, weisen in ihrem lockeren Duktus und ihrer hellen Farbpalette, auf die neue Gestaltungsabsicht und die Hinwendung des Malers zum Licht hin. Beeindruckt von seinem Erlebnis 1958, wie in der gotischen Kathedrale von Soisson das Licht als ein „Bauteil“ an der Architektur teilnimmt, begreift Greis fortan Licht auch funktional als ein bildnerisches Gestaltungsmittel.

Von 1960 bis ca. 1965 nimmt Otto Greis an den „Rencontres de Montrouge“ (auch „ligne 4“ genannt) im südlichen Stadtviertel von Paris teil. Initiator ist der Kunstkritiker Roger van Gindertael. Diskutiert wird über Kunst, aktuelle Ausstellungen und die „Salons“, an denen Greis seit 1961 regelmäßig teilnimmt. Der künstlerische Austausch mit den befreundeten Bildhauern Raoul Ubac und Maurice Lipsy ist für Greis, der in seinen Bildkompositionen immer um die Einbeziehung der dritten Dimension bemüht ist, bereichernd.


1960 – 1962/63

Es entsteht eine Reihe von Werken, deren Helligkeit kaum mehr zu steigern. Aufgrund dieser „Überstrahlung“ (Greis, 1995) ändert der Künstler seine Bildsprache ab 1963 dahingehend, dass er wieder verstärkt plastische Volumen und räumliche Tiefen herausarbeitet.

1964 - 1968

Mit dem Bild „Ode“ von 1963 beginnt eine Werkphase, in der die Bildfläche geradezu „skulptural“ durchgestaltet wird. Die Passage, aus der Farbmodulation entwickelt, dient dazu, verschiedene Raumebenen miteinander zu verknüpfen und die Formen und das Licht in fortwährender Verwandlung erscheinen zu lassen. Die Farbigkeit der Bilder ist von der Ufervegetation an der Seine inspiriert. Die dortigen Licht- und damit verbundenen Farbveränderungen je nach Tages- oder Jahreszeit hat der Künstler direkt vor Augen und spürt in seiner Malerei einem analogen Prinzip der Verwandlung nach.


1969 – 1987

Der malerische Umschwung geht mit einer Veränderung der Lebenssituation einher. Hatte Greis in den 60er Jahren zahlreiche Reisen nach Italien unternommen, um u.a. die frühe Renaissancekunst zu studieren, oder sich in Frankreich mit der romanischen Reliefplastik auseinanderzusetzen (u.a. deshalb besucht er in Paris auch häufig das Musée des Monuments historiques), bereist er bis 1983 jährlich, für mehrere Monate, das Mittelmeer. Die Ballearen, in den 70er Jahren noch vom Massentourismus verschont, sind Ziel dieser Schifftörns. Greis entwickelt ein äußerst subtiles Farblicht, das mittels eines luziden Bildaufbaus (zumeist sind es mindestens 10 Schichten, die sich überlagern und teilweise durchdringen) gesteigert wird und dem Betrachter entgegen leuchtet.


1983

Umzug nach Ockenheim am Rhein. Das Boot wird aufgegeben. Nun lebt und malt Otto Greis die Frühjahrs- und Sommermonate hindurch in Alcudia de Guadix, einem Dorf in der Gebirgsregion der Sierra Nevada. Noch bis 1987 bleibt die Bildstruktur von den schleierhaften Lichtvisionen der Bootsfahrten bestimmt. Formen im Werden und Vergehen, nicht deutlich greifbar und erklärbar, charakterisieren diese Bilder, und offenbaren einmal mehr die künstlerische Absicht, dem grundsätzlichen Prinzip der fortwährenden Gestaltverwandlung Ausdruck zu geben.


1987 – 1999

In einer Reihe kleinformatiger Bilder, die unter dem Namen „Alhamilla-Serie“ zusammengefasst werden, entwickelt Otto Greis bis etwa 1990 ein neues Formenrepertoire. Die Landschaft Südspaniens, in der er seit drei Jahren für Monate lebt, gewinnt zunehmend an künstlerischer Bedeutung. Gestalterische Grundelemente wie Kreisformen und Geraden bilden das strukturale Gewebe, in dem sich das Spannungsverhältnis der Bildmittel formuliert.


2000

Otto Greis unterzieht sich einer Augenoperation.


1999 – 2001

Vom Winter 2000 bis Frühjahr 2001 entstehen drei großformatige Werke, deren weich-modulierende Formensprache und Helligkeit eine neue Herangehensweise an das bekannte Thema ankündigen. In der plastischen Durchdringung des Bildraumes und der nuancierten Herausarbeitung des Bildlichtes ist die Verwandtschaft mit Werken der frühen sechziger Jahre spürbar. In ihrer poetischen Wirkung geben sie Greis’ Anliegen Ausdruck: „stets das Maß zu finden für eine Harmonie, um mit dieser konkreten Metrik die Welt einer Verzauberung anzurufen.“(1984)


30.3.2001

Otto Greis stirbt an den Folgen eines Schlaganfalls.